„Lovńaśke“ auf der großen Bühne: Ersjanisch in einem neuen Musical

In Saransk, der Hauptstadt der Republik Mordwinien, ist Alexander Ostrowskis Stück „Schneeflöckchen“ („Snegurotschka“) auf Ersjanisch inszeniert worden – einer finno-ugrischen Sprache, die vor allem in Mordwinien und benachbarten Regionen Russlands gesprochen wird. Die Premierenvorstellungen von „Lovńaśke“ fanden am 22. und 23. Oktober im Mordwinischen Nationalen Schauspieltheater statt. Die neue Inszenierung verbindet Dramentext, Musik und Bewegung und erweitert das Repertoire um ein weiteres Stück, in das man gehen kann, um Ersjanisch zu hören.
Das Theater bezeichnet die Gattung als Märchenmusical. Die Aufführung richtet sich an Familien, hat die Altersfreigabe 12+ und dauert zwei Stunden und zehn Minuten mit Pause. Für Zuschauer, die kein Ersjanisch sprechen, gibt es eine Simultanübersetzung ins Russische.
Eine musikalische Geschichte auf Ersjanisch
Regie führt Oleg Jumow, Bühne und Kostüme stammen von Sesseg Dondokowa; beide sind mit dem Burjatischen Schauspieltheater verbunden. Die Musik schrieb Darja Korkina, für die Bewegungschoreografie war Maria Lytschkowskaja zuständig, für das Licht Aljona Rumjanzewa. Für die Rolle des Schneeflöckchens sind zwei Schauspielerinnen angekündigt: Kristina Pawlowa und Olessja Pestowa.
Dass das Stück vorbereitet wurde, war schon im Frühjahr bekannt. Im Mai berichtete die Theaterzeitschrift „Teatral“ über die Arbeit an einer ersjanischen Fassung und eine für Oktober geplante Premiere. Im Sommer schrieb die Zeitung „Iswestija Mordowii“ über eigens komponierte Musik und Kostüme nach dem Vorbild traditioneller ersjanischer Tracht. Das Vorhaben umfasste also nicht nur die Übersetzung der Repliken, sondern auch die Schaffung einer eigenen musikalischen und visuellen Welt.
Das Musiktheater stellt eigene Anforderungen an die Sprache. Der Text muss im Sprechen, in der Bewegung und im Gesang funktionieren und auch bei wechselndem Tempo und wechselnder Intonation verständlich bleiben. Für die Sprache ist das ein wesentlicher Aspekt der Premiere: Ersjanisch wird Teil einer anspruchsvollen professionellen Aufführung, in der das Wort mit der Stimme des Schauspielers, der Musik und dem Bühnenrhythmus verbunden ist.
Bei der Frage der Gattungsneuheit ist allerdings Vorsicht geboten. In seiner Ankündigung spricht das Theater vom ersten Musical auf Ersjanisch. Eine unabhängige Bestätigung dieses historischen Vorrangs liegt der Redaktion nicht vor. Die neue musikalische Inszenierung ist auch ohne dieses Etikett von Bedeutung.
Ein Name mit eigener Geschichte
Den Namen „Lovńaśke“ gab es lange vor dieser Premiere. In der Sammlung „Erźań jovkst“ („Ersjanische Märchen“), die Makar Jewsewjew zusammengestellt hat und die 1928 in Moskau erschien, steht ein gleichnamiges Märchen auf den Seiten 38–39.
In dieser Aufzeichnung formt ein kinderloses altes Paar aus Schnee ein Kind. Das Mädchen wird lebendig, erhält den Namen Lovńaśke und wächst bei ihnen auf. Als es warm wird, wird es traurig und schmilzt schließlich in der Sonne. Name und Bild des Schneemädchens sind damit seit fast einem Jahrhundert Teil der veröffentlichten ersjanischen Folklore.
Es handelt sich um einen eigenständigen Text, der nicht mit Ostrowskis Stück gleichgesetzt werden darf. Das Theater nennt das Werk des Dramatikers als literarische Vorlage; dass das Inszenierungsteam Jewsewjews Aufzeichnung genutzt hat, ist nicht belegt. Für ersjanische Leserinnen und Leser hat der Titel aber eine eigene Geschichte, die über das neue Plakat hinausreicht.
Ostrowski auf Ersjanisch – seit den 1930er-Jahren
Auch die Übersetzungen Ostrowskis haben ihre Geschichte. Ein bibliografisches Verzeichnis der Nationalbibliothek Mordwiniens führt ersjanische Ausgaben der Stücke „Das Gewitter“ („Purgeńks“) und „Armut ist keine Schande“ („Bednoj-čiś avoľ asatyks“) auf. Beide Bücher erschienen 1935 in Saransk.
Dieser Zusammenhang lässt die Oktoberpremiere genauer einordnen. Der Griff zu Ostrowski setzt eine lange Übersetzungstradition fort, und die neue musikalische Form bietet einen weiteren Weg, sie weiterzuentwickeln. Zu jeder solchen Inszenierung gehört auch Spracharbeit: die Wahl der Wörter, die Bühnenbearbeitung des Textes, seine Abstimmung mit der Aufführung.
Wer diese Arbeit für „Lovńaśke“ geleistet hat, geht aus der veröffentlichten Stückbeschreibung nicht hervor. Dort sind Inszenierungsteam und Besetzung genannt, nicht aber der Autor der ersjanischen Übersetzung. Auch wer die Liedtexte geschrieben hat, wird nicht angegeben. Diese Angaben sind für die Geschichte der Inszenierung wichtig: Übersetzung und Spracharbeit gehören ebenso zu ihrer Entstehung wie Musik, Kostüme und Licht.
Nach den Premierenabenden
Mit Stand vom 30. Oktober führt Yandex Afisha weitere Vorstellungen auf: am 3. November um 19:00 Uhr und am 26. November um 18:30 Uhr. Die neue Arbeit ist in den weiteren Spielplan des Theaters aufgenommen; gesicherte Angaben zu Besucherzahlen und Publikumsreaktionen gibt es noch nicht.
Für das Ersjanische zählt vor allem die Möglichkeit, auf die Bühne zurückzukehren. Wiederholte Vorstellungen geben dem Publikum neue Anlässe, die Sprache außerhalb der Familie und des Unterrichts zu hören. Die russische Übersetzung ermöglicht es zudem, dass Menschen mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen gemeinsam kommen.
Eine einzelne Premiere verändert die Sprachsituation nicht. Aber sie schafft eine konkrete Möglichkeit: einen Theaterabend, an dem Ersjanisch den Dialog, die Figuren und die dramatische Handlung trägt. Wie lange „Lovńaśke“ auf der Bühne bleibt, werden die nächsten Spielzeiten zeigen.
