Erźań Mastor: Ersjanisch-Kurs für 39 Euro — ein Drittel von KI, kein Autor genannt

Am 4. September 2026 berichtete das Medium Erźań Mastor, dass der litauische Onlinedienst ANLHE (Ancient & New Language Heritage Education) einen Kurs des Ersjanischen — der finno-ugrischen Sprache des Wolgagebiets, der dieses Portal gewidmet ist — für 39 Euro verkauft: ohne Autorennamen, ohne Probelektion und ohne Angabe, welche Schrift der Kurs verwendet. Die Redaktion schrieb der Firma zweimal und erhielt schließlich direkte Antworten: Rund ein Drittel des Kurses stammt von generativer KI, das Material prüfte ein namenloser Muttersprachler, und welches Alphabet gelehrt wird, erfährt der Käufer erst nach der Bezahlung.
ANLHE beschreibt sich als Plattform für strukturierten Onlineunterricht in lebenden, Erb- und historischen Sprachen und gibt eine Adresse in Vilnius an. Die Startseite nennt 444 Kurse und 4 440 Lektionen. Nach Angaben von Erźań Mastor gab es bis Ende August im Netz keine Spur des Dienstes, und die von der Redaktion geprüften Seiten — die Kurse für Ersjanisch, Mokschanisch und Prauralisch — wurden an einem einzigen Tag veröffentlicht, dem 25. August; seit demselben Tag nimmt die Website Bestellungen an. Weder Gründungsjahr noch Schülerzahlen noch Lehrernamen finden sich dort.
Die Seite „Erzya Language Certificate Course" bietet für eine Einmalzahlung von 39 Euro zehn Module: von der Einführung in die Sprache und ihren kulturellen Hintergrund über Laute, Schrift, Wortschatz und Grammatik bis zur Abschlussprüfung mit Zertifikat; auf jedes Modul folgt ein Test. Die Website selbst stellt klar, dass die Abschlussbescheinigung weder ein Hochschulgrad noch eine Lizenz noch eine Berufszulassung ist. Als Autor der Seite ist „admin" angegeben; wie Erźań Mastor festhält, findet sich dort kein einziges ersjanisches Wort, kein Lehrbuch, kein Wörterbuch, keine Audioaufnahme. Der mokschanische Kurs ist genauso aufgebaut und kostet dasselbe.
Erźań Mastor stellte der Firma drei Fragen: wie viele Menschen sich eingeschrieben haben; wer den Kurs geschrieben hat — und ob ein ersjanischer Muttersprachler und generative KI beteiligt waren; welche Schrift der Kurs lehrt. Die erste Antwort von ANLHE fiel ausführlich und höflich aus, wich aber zwei der drei Fragen aus. Der Kurs befinde sich „in der Anfangsphase der Einschreibung", daher veröffentliche man keine Gesamtzahl; und der Kurs werde „als institutionelles Programm von ANLHE präsentiert, nicht als Werk eines einzelnen öffentlich genannten Autors". Daraufhin fragte die Redaktion erneut — im Ja-oder-Nein-Format — und bekam direkte Antworten (Zitate hier in unserer Übersetzung aus dem Englischen).
„Ja. Ein Muttersprachler des Ersjanischen war an der Prüfung des Kursmaterials beteiligt, und die entsprechenden sprachlichen Prüfungen sind abgeschlossen", antwortete die Firma — ohne freilich Namen, Qualifikation oder Arbeitsanteil dieses Sprechers zu nennen. Und weiter: „Ja. Generative KI wurde in etwa 35 % des Vorbereitungsprozesses des Kurses eingesetzt. Die übrigen etwa 65 % beruhen auf Büchern, linguistischen Dokumenten, unterstützenden Lehrvideos sowie menschlicher akademischer und redaktioneller Prüfung." Wie dieser Anteil berechnet wurde und welche Teile die KI erstellt hat, erläuterte ANLHE nicht. Die Frage nach der Schrift verwies die Firma ins Innere des Produkts: „Die vollständige Behandlung des Schriftsystems ist im Kurs enthalten, vor allem in Modul 3 ‚Laute, Aussprache und Schriftsystem'" — das heißt, ob Kyrillisch oder Latein gelehrt wird, erfährt man erst nach der Bezahlung. Einen Rezensionszugang sagte ANLHE der Redaktion zu, mit dem Hinweis, die Aktivierung dauere bis zu einer Woche — dies sei „die Standardfrist für alle Lernenden … keine besondere Einschränkung für Erźań Mastor" —, in der „die Referenzmaterialien, Begleitdokumente und Lehrvideos zusammengeführt und abschließenden menschlichen und technischen Prüfungen unterzogen werden". Verkauft wird der Kurs, wohlgemerkt, seit dem 25. August.
Für künftige Lernende bedeutet all das eines: Vor der Bezahlung lässt sich kein einziger inhaltlicher Parameter des Kurses prüfen — wer ihn geschrieben hat, wer ihn kontrolliert hat, auf welchen Quellen er beruht, welches Alphabet er verwendet und wie die Sprache darin klingt. Bei einer großen Sprache ginge ein solches Produkt unter Hunderten anderer unter; das Ersjanische hat nur eine Handvoll Kurse, und jeder neue fällt auf. Ein Lernprodukt für eine Sprache ohne starke Institutionen lebt vom Vertrauen, und Vertrauen besteht aus überprüfbaren Dingen: einem genannten Autor, einem genannten Muttersprachler, aufgeführten Quellen, einer offenen Probelektion. Auch die Schrift ist hier keine technische Nebensache: Das Ersjanische wird heute sowohl kyrillisch als auch lateinisch geschrieben, und Lernende haben das Recht, vorab zu wissen, was man ihnen beibringen wird.
Die Nachricht hat auch eine andere Seite: Eine kommerzielle Plattform hielt das Ersjanische eines Platzes unter ihren 444 Kursen für würdig — ein Zeichen von Nachfrage, und für die Sprache an sich ein gutes.
Valks baut seinen Lernbereich anders: Unser Selbstlernkurs stützt sich auf Niina Aasmäes „Kortatano erźaks" (Tartu, 2015), genutzt mit Erlaubnis der Autorin; die Schrift — die lateinische Orthographie nach dem System Nazarenko — ist offen deklariert; die Dialoge sind von Muttersprachlern eingesprochen; alle Lektionen sind kostenlos und lassen sich prüfen, bevor man sich zum Lernen entschließt. Über den Inhalt des ANLHE-Kurses urteilen wir nicht, solange ihn niemand gesehen hat. Erhält Erźań Mastor den zugesagten Zugang und veröffentlicht eine Rezension, kommen wir auf das Thema zurück. Schon das Auftauchen des Ersjanischen in einem kommerziellen Katalog zeigt, dass die Sprache wahrgenommen wird; Aufgabe der Gemeinschaft ist, dass nicht nur der Preis wahrgenommen wird, sondern auch die Qualität.
