Die Sprache erwies sich als beständiger als die Rubrik: Was Fenno-Ugria in Russlands Volkszählung sah

Fenno-Ugria, die estnische Organisation, die seit fast einem Jahrhundert die finno-ugrischen Völker miteinander verbindet, führt auf ihrer Website ein laufend aktualisiertes Dossier über die Ersja — wahrscheinlich der aufmerksamste Blick von außen auf unser Volk, den es heute gibt. In der jüngsten Fassung des Ersja-Profils haben die Beobachter aus Tallinn die Ergebnisse der russischen Volkszählung 2020–2021 ausgewertet, und ihre Analyse verdient eine eigene Betrachtung: In Zahlen, die die russische Statistik als ununterbrochenen Schwund präsentiert, erkannte der Blick von außen etwas Komplexeres — und Interessanteres.
Zunächst die Zahlen selbst. Die Zahl der als „Mordwinen" Erfassten fiel zwischen den Volkszählungen von 2010 und 2021 um ein Drittel: 484 450 gegenüber 744 236, minus 34,9 Prozent. Ihre Nationalität als Ersja gaben 50 086 Menschen an, gegenüber 84 407 ein Jahrzehnt zuvor. Und dann kommt der Befund, für den sich die Lektüre der estnischen Analyse lohnt: Die Zahl derer, die Ersjanisch als ihre Muttersprache nannten, fiel nicht, sondern stieg — von 36 726 im Jahr 2010 auf 40 045 im Jahr 2020. Vor dem Hintergrund des allgemeinen Einbruchs sämtlicher „mordwinischer" Kennziffern ist die Sprachrubrik die einzige, die nach oben ging.
An dieser Stelle ist redaktionelle Ehrlichkeit geboten, und sie betrifft die Quelle selbst. Der Text von Fenno-Ugria beziffert den Rückgang der Ersja auf 12,1 Prozent — doch die eigenen Zahlen sagen etwas anderes: Von 84 407 auf 50 086 sind es minus 40,7 Prozent. Offenbar hat sich ein Rechenfehler in das Profil eingeschlichen. Das ist nicht nur der Genauigkeit wegen wichtig: Ohne die Korrektur ergibt sich das tröstliche Bild, die ersjanische Identität sei „kaum betroffen"; mit ihr wird das Bild strenger und tiefer. Die ethnische Selbstzuordnung als Ersja schrumpfte sogar schneller als die Sammelkategorie „Mordwinen" — und umso bemerkenswerter ist, dass die Sprachloyalität gleichzeitig wuchs.
Was ergibt sich also, wenn man die geprüften Zahlen nebeneinanderlegt? Auf 50 000 Menschen, die sich als Ersja eintrugen, kommen 40 000, die Ersjanisch als Muttersprache nannten — vier von fünf. Zum Größenvergleich: In der gesamten halben Million „Mordwinen" nennt ein deutlich kleinerer Anteil eine der beiden Sprachen als Muttersprache. Mit anderen Worten: Die Rubrik „Ersja" versammelte in der Volkszählung 2021 nicht beliebige Menschen, die irgendwann einmal als „Mordwinen" erfasst worden waren, sondern einen Kern — jene, für die der Name des Volkes und die Sprache untrennbar sind. Das Schrumpfen der ethnischen Rubrik und das Wachsen der sprachlichen sind kein Widerspruch, sondern ein einziger Vorgang: Die diffuse administrative Zugehörigkeit schmilzt, die klar umrissene verdichtet sich. Die Volkszählung hat, ohne es zu wollen, gezeigt, wo das Herz des Volkes schlägt.
Es spricht für Fenno-Ugria, dass sich ihr Dossier nicht auf Demographie beschränkt. Es sind die estnischen Beobachter, die beharrlich festhalten, worüber die offizielle Chronik schweigt: dass Raśkeń Ozks, das traditionelle Gebetstreffen aller Ersja, das 2004 zum offiziellen Feiertag Mordwiniens wurde, seinen sakralen Charakter eingebüßt hat; dass 2022 die ersjanische Nationalflagge auf dem Fest verboten war und die öffentlichen Reden auf Russisch gehalten wurden; dass der Tag der ersjanischen Sprache umbenannt und in die Staatsideologie eingebettet wurde. Der Wert des Blicks von außen liegt nicht darin, dass er freundlicher oder strenger wäre als der von innen — sondern darin, dass er nicht verpflichtet ist, fremde Rubriken zu benutzen. Wo die russische Statistik „Mordwinen" und „die mordwinische Sprache" sieht, schreibt Tallinn gelassen: die Ersja, die ersjanische Sprache — und zählt sie getrennt, soweit die Volkszählung selbst es zulässt.
Ein Vorbehalt darf nicht fehlen: Der Vergleich der Volkszählungen von 2010 und 2021 ist methodisch unvollkommen — die Formulierungen der Sprachfragen unterschieden sich, und die Zählung von 2021 fand während der Pandemie statt und zog erhebliche Kritik an ihrer Qualität nach sich. Der Anstieg von 36 700 auf 40 000 mag zum Teil darauf zurückgehen, dass Menschen, die früher „Mordwinisch" eintrugen, ihre Sprache nun genauer benennen. Doch wenn dem so ist, dann ist genau das die Nachricht: Der genaue Name der Sprache verdrängt den administrativen. Wer in der Volkszählung „Ersjanisch" statt „Mordwinisch" eintrug, hat für die Existenz seiner Sprache gestimmt.
Valks sieht in der estnischen Analyse eine Bestätigung dessen, worauf unser Projekt gebaut ist: Die ersjanische Sprache besitzt einen Kern von Sprecherinnen und Sprechern, der sich nicht auflöst, sondern seiner selbst bewusst wird — und dieser Kern verdient eine Infrastruktur, die seiner Treue würdig ist. Vierzigtausend Menschen, die ihre Sprache allen Rubriken zum Trotz als Muttersprache nannten, sind vierzigtausend Gründe, am Wörterbuch weiterzuarbeiten.
