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← Nachrichten · Erzjanische Welt · 2026-07-08

Der Fall des verschwundenen Genres: Warum auf Ersjanisch nie ein Krimi geschrieben wurde

Wir wollten einen Beitrag über den ersjanischen Kriminalroman schreiben — wann der letzte erschienen ist, wer ihn verfasst hat, was die Leser sagen, wo man ihn kaufen kann. Die Ermittlung fiel kürzer aus als erwartet: Kriminalliteratur in ersjanischer Sprache existiert nach allem, was sich feststellen lässt, nicht. Weder ein letzter Krimi noch ein erster. Es ist einer jener Fälle, in denen das Fehlen von Spuren selbst die Spur ist — und so wurde aus dem Beitrag eine Geschichte über etwas anderes: darüber, was es für eine Sprache bedeutet, wenn in einem Jahrhundert geschriebener Literatur niemand eine einzige Detektivgeschichte in ihr verfasst hat.

Beginnen wir mit dem, was die Wissenschaft sagt. Literaturhistoriker, die das Genrerepertoire der ersjanischen und mokschanischen Erzählprosa beschreiben (die akademische Tradition fasst beide Literaturen bis heute unter einer gemeinsamen Rubrik zusammen), zählen folgende Spielarten auf: biographisch, lyrisch, phantastisch, philosophisch, heroisch, memoiristisch. Der Krimi kommt in dieser Reihe nicht vor. Der nächste Verwandte, den die ersjanische Prosa je kannte, ist die heroische Abenteuererzählung über den Krieg und seine Aufklärer: Alexander Schtscheglows „Alkuksoń vechkema" („Wahre Liebe") mit Leutnant Nikolajew und seinen Frontaufklärern, die Kriegsprosa Pjotr Prochorows, die Abenteuergeschichten der 1960er bis 1980er Jahre. Dort gibt es Geheimnis, Verfolgung und einen Feind — aber nicht das Entscheidende: einen Ermittler, ein Rätsel und einen Leser, der es im Wettlauf mit dem Helden löst. Den klassischen Kriminalroman — Verbrechen im ersten Kapitel, Entlarvung im letzten — hat die ersjanische Literatur nie hervorgebracht.

Auch ein übersetzter erschien nicht. Übersetzte Literatur auf Ersjanisch gibt es seit den 1930er Jahren, und sie nahm einen sichtbaren Platz ein — übersetzt wurden jedoch ideologisch geprüfte Klassiker, nicht Conan Doyle. Unsere Suche fand keine Spur eines ersjanischen Sherlock Holmes, einer ersjanischen Agatha Christie oder auch nur eines ersjanischen Spionageromans — weder in Bibliographien noch in Katalogen noch in digitalen Bibliotheken. Sollte eine solche Übersetzung irgendwo existieren — als Manuskript, in einem alten Jahrgangsband der Literaturzeitschrift „Sjatko", im Samisdat —, so wäre die Redaktion von Valks hocherfreut, als Erste davon zu erfahren, und wird mit Vergnügen eine Widerlegung dieses Artikels veröffentlichen.

Warum das Genre nie entstand, ist keine müßige Frage. Die geschriebene ersjanische Literatur wurde in den 1920er und 1930er Jahren geboren und von oben aufgebaut: Die Verlagspläne bestimmte die Ideologie, nicht die Nachfrage der Leser — und für ein „niederes" Unterhaltungsgenre war darin kein Platz. Als später der sowjetische Kriminalroman auf Russisch aufblühte, ging die ersjanische Prosa andere Wege: in die Dorferzählung, die lyrische und die historische Novelle, in die Reflexion über das Schicksal des Volkes. Und als Genreliteratur endlich frei geschrieben werden durfte, gab es niemanden mehr, für den man sie hätte schreiben können: Der ersjanische Buchmarkt war zusammen mit den Auflagen verschwunden. Der Krimi ist per Definition ein Massengenre; er existiert dort, wo es eine Massenleserschaft gibt. Sein Fehlen auf Ersjanisch ist keine Laune der literarischen Mode, sondern ein präziser Abdruck der Sprachsituation: Eine Sprache, die aus Schule und Stadt verdrängt wird, verliert zuerst den Leser der Unterhaltungsprosa — und erst danach den Leser überhaupt.

Und doch: Stellen wir uns dieses Regal vor — „Ersjanische Kriminalliteratur", wie es hätte sein können. Links die Übersetzungen: „Baskervilleń kiskaś" mit einem finsteren Holmes auf dem Umschlag; Agatha Christies „Und dann gab's keines mehr"; Simenon, dessen Kommissar Maigret keinen Calvados tränke, sondern Pure, den ersjanischen Honigtrunk. Rechts das Eigene: ein Dorfkrimi, in dem ein Landpolizist in einem ersjanischen Dorf eine Geschichte entwirrt, die auf dem Raśkeń Ozks begann, dem großen Gebetstreffen aller Ersja; ein historischer Krimi mit einer Ermittlung am Hof von Purgaz, dem ersjanischen Herrscher des 13. Jahrhunderts; ein zeitgenössischer Noir-Roman über Saransk. Jeder Buchrücken dieses imaginären Regals wäre ein Arbeitsplatz für eine Übersetzerin, ein Honorar für einen Illustrator, ein Anlass für einen Teenager, ein Buch in der Sprache der Großmutter aufzuschlagen. Das Regal ist leer — aber gerade deshalb zeigt es so deutlich, was fehlt.

Unsere Antwort auf die Frage „wo kaufen und lesen" fällt also kurz aus: nirgends — noch nicht. Lesen kann man auf Ersjanisch heute anderes: Prosa in der Zeitschrift „Sjatko", digitalisierte Texte in der ersjanischen Wikisource, die Klassiker auf Russlands Portal der nationalen Literaturen. Und für alle, die den Zustand ändern wollen, war die Schwelle nie niedriger: Die Sherlock-Holmes-Erzählungen sind längst gemeinfrei und dürfen frei übersetzt und veröffentlicht werden, eine einzelne Erzählung — das sind ein paar Abende ersjanischen Textes, und das Wörterbuch Valks steht jeder Übersetzerin und jedem Übersetzer offen. Der erste ersjanische Krimi ist weder geschrieben noch übersetzt. Vielleicht liest sein Autor gerade diesen Artikel.