Das Regal, das mit zehn Jahren endet: Das Ersjanische und seine jungen Leser

Die ersjanische Sprache besitzt eine Kinderzeitschrift, die älter ist als fast alle ihre Leser zusammen — und beinahe keine Bücher für alle, die zehn geworden sind. Zwischen der Kinderzeitschrift „Tschilisema" und der literarischen Zeitschrift „Sjatko" für Erwachsene klafft eine Leere von der Größe des wichtigsten Alters überhaupt: jenes Alters, in dem ein Mensch entscheidet, wer er sein will — und in welcher Sprache.
Beginnen wir mit der Zeitschrift, denn sie hat es verdient. „Tschilisema" („Sonnenaufgang") erscheint seit November 1931 in Saransk — zunächst als „Jakstere Teschktine" („Kleiner roter Stern"), dann als „Pioneren Vaigel" („Stimme des Pioniers"), seit 1991 unter dem heutigen Namen. Auf ihren Seiten veröffentlichten, so die Enzyklopädie, „buchstäblich alle Begründer der ersjanischen Prosa und Poesie". Heute ist sie die einzige Kinder- und Jugendzeitschrift in ersjanischer Sprache; abonniert wird sie in fast dreißig Regionen Russlands, gelesen auch im Ausland. Und nun die Zahlen, vor denen es kein Ausweichen gibt: Die Auflage der 1930er Jahre erreichte anderthalbtausend Exemplare; die Auflage heute liegt bei etwa 1 200 bis 1 300. In neunzig Jahren ist die Zeitschrift um kein einziges Exemplar gewachsen. Nach Berichten unabhängiger Medien ist „Tschilisema" wegen schwindender Leserschaft von der Schließung bedroht.
Dabei nimmt diese Zeitschrift in der ersjanischen Geschichte einen besonderen Platz ein — einen, der über die Kinderliteratur hinausreicht. Ende der 1980er Jahre wurde ausgerechnet die Redaktion der „Tschilisema" zum Sammelpunkt der ersjanischen nationalen Wiedergeburt: Um die verantwortliche Redaktionssekretärin der Zeitschrift, die Dichterin und Folkloristin Maris Kemal, scharte sich die Intelligenzija, die die These „kavto keľť — kavto raśkeť" formulierte — „zwei Sprachen, zwei Völker". Eine Kinderzeitschrift erwies sich als Hauptquartier einer Erwachsenenbewegung — wohl deshalb, weil sie einer der ganz wenigen Orte war, an denen man Tag für Tag auf Ersjanisch denken und arbeiten konnte. Mehr als dreißig Jahre lang, von 1987 bis zu seinem Tod im Januar 2021, leitete der Dichter Nikolai Ischutkin die Zeitschrift — Autor der „Kamillenwiese" und anderer Kinderbücher, der Mann, auf dem „Tschilisema" im Wortsinn ruhte.
Was kann ein siebenjähriges Kind heute auf Ersjanisch lesen? Gar nicht so wenig: eine Zeitschrift mit Märchen, Gedichten und Rätseln, Kindersammlungen ersjanischer Dichter, Folklore, Fibeln und Schulbücher; seit Kurzem auch Übungen auf der Lernplattform iSmart. Das Regal der Kleinen ist bescheiden, aber lebendig.
Und nun dieselbe Frage für einen Dreizehnjährigen. Jugendprosa auf Ersjanisch gibt es nicht. Keinen Abenteuerroman, der für den heutigen Teenager geschrieben wäre, keine Fantasy, keine Science-Fiction, keine Comics, keinen Krimi — dieser letzten Leerstelle haben wir kürzlich einen eigenen Artikel gewidmet. Es gibt auch keine Übersetzungen dessen, was Jugendliche in jeder lebendigen Sprache lesen: keinen Tolkien, keine Rowling, nicht einmal Jules Verne. Die „Sjatko" für Erwachsene wendet sich nicht an Dreizehnjährige; die „Tschilisema" ist für sie schon „was für die Kleinen". Die Lesebiographie eines ersjanischen Kindes bricht ungefähr dort ab, wo seine eigenen Entscheidungen beginnen. Und das ist nicht nur eine Frage der Literatur: Selbst die bereits erschienenen ersjanischen Bücher zu finden ist ein Abenteuer — Leser berichten, dass sie zuweilen nicht einmal in den Buchhandlungen von Saransk aufzutreiben sind.
Einen hellen Fleck gibt es auf dieser Karte, doch seine Adresse überrascht. 2021 erschien Saint-Exupérys „Der kleine Prinz" — das meistübersetzte Kinderbuch der Welt — auf Ersjanisch. Herausgegeben hat ihn nicht der Mordwinische Buchverlag, sondern der deutsche Verlag Edition Tintenfass, im Rahmen eines Projekts des schwedischen Linguisten Yair Sapir zur Übersetzung des Märchens in die finno-ugrischen Sprachen Russlands; gleichzeitig erschien eine udmurtische Fassung, später eine auf Komi. Ein unseren Lesern vertrautes Bild: Das ersjanische Selbstlernbuch entsteht in Kasan, „Der kleine Prinz" erscheint in Deutschland. Wo eine funktionierende Institution existiert, entsteht ein ersjanisches Buch; die Frage ist nur, warum es solche Institutionen gerade dort nicht gibt, wo ersjanische Kinder leben.
Warum ist das Jugendbuchregal die wichtigste Stelle der gesamten Sprachinfrastruktur? Weil sich dort das Schicksal der Sprachweitergabe entscheidet. Die Volkszählung 2020–2021 verzeichnete nur rund 46 000 Menschen, die ihre Sprache ausdrücklich als Ersjanisch angaben; eine Sprache, die ein Kind von der Großmutter hört, in der es aber mit dreizehn nichts zu lesen hat, wird zur Sprache der Kindheit — warm, geliebt und zurückgelassen. Ein Teenager geht dorthin, wo es Geschichten über ihn gibt, und heute sprechen alle diese Geschichten Russisch mit ihm. Feiertage und Deklarationen der Erwachsenen werden daran nichts ändern; ändern kann es nur ein Regal, auf dem ein ersjanischer Tolkien steht.
Die gute Nachricht: Dieses Regal ist erreichbar. Die Jugendklassiker der Welt, von Verne bis Jack London, sind längst gemeinfrei — sie dürfen frei übersetzt und veröffentlicht werden, gedruckt oder im Netz; die Erfahrung des „Kleinen Prinzen" zeigt, dass es die Übersetzer gibt. Valks ist bereit, das Arbeitswerkzeug jeder solchen Übersetzung zu sein — und beginnen kann man mit einer einfachen Handlung, die allen erwachsenen Leserinnen und Lesern dieses Artikels offensteht: Ein Abonnement der „Tschilisema" heute bezahlt die Existenz eines ersjanischen Lesers morgen.
